Sonderbriefmarke Donaueschinger Musiktage - Michael Bach Bachtischa

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Sonderbriefmarke Donaueschinger Musiktage





Michael Bach Bachtischa


18-7-92
Aufzeichnungen zu Ryoanji  (1992)

und

Sonderbriefmarke
75 Jahre Donaueschinger Musiktage, Deutschland  (1996)


 
 

Das Werk 18-7-92, eine Handzeichnung mit Tusche und Feder im Format 204 x 141 mm, trifft Aussagen, die ebenso visueller wie akustischer Natur sind.  Die übliche Notenschrift hätte weder ausgereicht, noch wäre diese brauchbar gewesen, um den künstlerischen Gehalt des Werks zeichnerisch darzustellen. Zu Beginn stehen zwei Worte „Ryoanji” und „Cello", die der Schlüssel zur Deutung sind. Der Titel des Werks 18-7-92 ist schlicht das Datum der Fertigstellung.

 
 

Auf der Briefmarke 75 Jahre Donaueschinger Musiktage sind die signifikanten Elemente des Werks 18-7-92 abgebildet: die Prim fis1, Notenköpfe  (alle f(is)-Noten des Werks und das ais2), Notenkreuze, handgezogene Notenlinien, der solitäre Violinschlüssel, Diagonallinien, senkrechte Trennungslinien, Schreiblinien, römische und arabische Zahlen (1, 2, 8 ,12), der Buchstabe „R  ? für Ryoanji. Die Briefmarke zeigt zudem die inhaltlich zentrale Stelle des Werks, wobei die Prim fis1 in den Mittelpunkt des quadratischen Briefmarkenformats rückt. Die nach rechts oben gerichtete Kinetik (Diagonallinien) ist durch eine leichte  Linksdrehung um die Prim fis1, als Dreh- und Angelpunkt, noch verstärkt. Es ist ebenfalls klar ersichtlich, daß es sich bei dem Motiv um eine Handzeichnung handelt.

Der Sonderpoststempel Donaueschingen zeigt die alleinstehende Note fis1, die Zahl „1” und den vom Notensystem abgesetzten Violinschlüssel.

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Ryoanji ist der Name des berühmten Steingartens des Zen in Kyoto mit 15 Steinfelsen auf geharktem Kies. Zwei Fragestellungen, über die traditionellerweise auf der Besuchertribüne des Ryoanji meditiert wird,  sind sinngemäß für 18-7-92 bedeutsam: Warum sind die Steinfelsen in dieser Weise plaziert? Was hat es damit auf sich, daß nie alle 15 Steinfelsen auf einmal von einem einzigen Betrachtungsort aus sichtbar werden? Einer der Steinfelsen  bleibt stets verdeckt durch die anderen. Erst intensive Versenkung bringt den sinnlich nicht wahrnehmbaren Stein ins geistige Bewußtsein.

Hier findet sich die aussagekräftigste Parallele zwischen dem Ryoanji und 18-7-92.

Für das Cello, ein viersaitiges Streichinstrument, habe ich eine Reihe von neuen Spieltechniken entwickelt, die die Ausdruckspalette des Instruments stark erweitern: die Mehrstimmigkeit mit dem dafür von mir  geschaffenen Rundbogen ( BACH.Bogen® ), das Obertonspiel bis zum 32.Partialton (5. Oktav der Saite) und die Einbeziehung der Differenztöne. An der Prim erweist sich, daß kaum ein anderes Soloinstrument dazu geeignet ist, einen Zusammenklang  von zwei oder mehr Tönen auf derselben Tonhöhe tatsächlich auszuführen. Am Cello sind darüberhinaus meine graphischen Druckserien der Fingerboards entstanden, die in Wechselwirkung mit klanglichen Ereignissen oder Kompositionen stehen.

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Auf Fragen, sinngemäß zur Ryoanji-Thematik, die in 18-7-92 aufgrund der ungewöhnlichen Darstellung aufgeworfen werden, gibt das Werk selbst Antworten, die primär aus der zeichnerischen Gestaltung und  der Struktur des Bildes folgen. Die Anordnung der Steine im Ryoanji, die Sichtlinien, die sie verbinden, die Proportionen und Abstände im Kiesfeld, das Geheimnis des verdeckten Steins, das findet sich vergleichbar in 18-7-92: die  Anordnung der Noten und Zahlen, die diagonalen Verbindungslinien, die Sichtlinien auf einen Bezugspunkt konvergierend, die Abstände und Proportionen zwischen den Noten, die verdeckte Note.

Konventionellerweise dient die Notenschrift dazu, eine Tonfolge unmißverständlich zu notieren. Eine Prim besteht aus zwei Noten auf der gleichen Tonhöhe und wird folglich  mit zwei dicht hintereinander gesetzten Notenköpfen geschrieben. Wenn man der konsequenten Bildung von Notenpaaren in 18-7-92 folgt, muß die einzig alleinstehende Note, das fis1, logischerweise als eine Prim mit zwei fis1-Noten aufgefaßt  werden. Diesem Analogieschluß widerspricht jedoch scheinbar die Tatsache, daß die zweite Note fis1 nicht vordergründig zu sehen ist.
Die freie künstlerische Zeichnung muß sich nicht an konventionellen Darstellungsformen orientieren. Im Gegenteil, in 18-7-92 wird willentlich neben dem einen fis1 das andere fis1 nicht hintereinander abgebildet,  um derart einen geistigen Gehalt auszudrücken, der über die reine Notenschrift und das begrenzte, bekannte Format hinausweist.

Im folgenden Text wird gezeigt, daß es für die Negierung der konventionellen Notierung einer Prim fis1 Gründe gibt, die in der Zeichnung 18-7-92 dergestalt zum Ausdruck kommen: Die beiden Notenköpfe  sind ineinander geschoben. Die zweite Note fis1 ist ausgespiegelt und befindet sich an einem spezifischen Ort jenseits der Zeichenfläche. Der Differenzton der Prim fis1 ist wiederum ein fis1.
Die Anspielung auf den verdeckten Stein des Ryoanji ist unverkennbar. Der Bezug zur obertönigen und mehrstimmigen Cellotechnik des Autors mit dem Rundbogen wird mit dem Wort Cello verdeutlicht.

Für den Gestalter des Ryoanji-Gartens wäre es ein leichtes gewesen, die Steine so zu setzen, daß sie von jedem Standpunkt des Betrachters alle gleichzeitig zu sehen wären. Gleiches gilt für den Autor  von 18-7-92: die Prim fis1 hätte durchaus orthographisch korrekt mit zwei Notenköpfen notiert werden können. Aber: Beides war nicht beabsichtigt. Der zu findende Stein, wie die zu findende Note fis1, werden vom Betrachter geistig  erfaßt, wahrgenommen, finden sich in seinem Bewußtsein wieder.

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Die erste Notenzeile von 18-7-92 stellt zwei sehr weite und konträre Tonräume am Cello vor: Der erste Tonraum reicht vom tiefsten Ton auf der höchsten Saite bis zum höchsten Ton auf der tiefsten Saite.  Der zweite, mehr als doppelt so große Tonraum, umfaßt alle Töne vom tiefsten Ton auf der tiefsten Saite bis zum höchsten Ton auf der höchsten Saite. Diese beiden diagonal sich überkreuzenden Tonräume, oder Griffdistanzen auf den Saiten,  stehen im übertragenen Sinn stellvertretend für das Kiesfeld des Ryoanji, in dem die nun folgenden 15Notenköpfe, dort die 15 Steinfelsen, plaziert sind. Deshalb ist die erste Notenzeile, welche den Raum für diese 15 Noten eingrenzt,  klar abgesetzt von den folgenden Notenzeilen.

Die hervorgehobene Zahl „15” zu Beginn der Notensetzung spielt auf die 15 Steinsetzungen des Ryoanji an.
Auch bei diesen nachfolgenden drei Notensystemen ist augenfällig, daß 7 Intervalle, also 7 Notenpaare, erscheinen, die durch senkrechte Trennungsstriche voneinander separiert, gleichwohl durch Diagonallinien miteinander  verbunden sind. Jedoch gibt es eine Ausnahme, die alleinstehende Note fis1. Gerade diese Auffälligkeit zieht die Aufmerksamkeit auf sich, - unabhängig davon, ob man Noten lesen kann oder nicht.

Den Notenpaaren, welche die Intervallräume begrenzen, entsprechen zwei Tintenfarben, türkis und schwarz, die sich mischen. Dieser changierende Farb-”Ton” ist erkennbar. Bei genauer Betrachtung der alleinstehende  Note fis1 fällt deshalb auf, daß der Notenkopf nicht nur der größte des gesamten Werks ist, sondern daß er eine dunklere Färbung im Innern aufweist, sozusagen eine Note in der Note besitzt, denn: die beiden Notenköpfe sind übereinander  gezeichnet. Der Betrachter kann hierin das doppelte fis1-fis1 erkennen, das aus der Zweidimensionalität der Zeichnung herauszutreten scheint.

 
 

Weiterhin kann der Betrachter Sichtlinien identifizieren, welche die Notenköpfe ab der alleinstehenden Note fis1 verbinden, wie auf dem Anlageblatt 1 (Prim  und Sichtlinien in 18-7-92) dargestellt. Diese kreuzen sich exakt an einem Punkt jenseits des linken Blattrandes, der genau so weit von diesem entfernt ist (42,5 mm), wie die alleinstehende Note fis1 rechts vom Blattrand sich befindet.  Die Position des fis1 in der Zeichnung wird spiegelbildlich aus der Zeichnung heraus verlagert, befindet sich somit jenseits des Blatts.

Wie das folgende Blatt ebenfalls deutlich sichtbar macht, bildet die Prim fis1 das Zentrum von
18-7-92: Der Bezugspunkt befindet sich horizontal 85mm links von der alleinstehenden Note fis1 entfernt, während  rechts von ihr die Strecke bis zur entferntesten Note g2 genau nochmals 85mm beträgt.

 
 

Die Zeichnung 18-7-92 beabsichtigt weiterhin, den Abstand der Notenpaare zu thematisieren, hierfür sind diagonale Verbindungslinien zwischen beiden  Notenköpfen gezeichnet. Diese Diagonallinien sind eine weitere zeichnerische Eigenart des Werks, denn üblicherweise werden Intervalle als Akkord, d.h. zwei Noten übereinander, notiert.

In
18-7-92 erscheint immer zuerst der tiefste Ton von jeweils zwei Intervall-Noten. Infolgedessen entsteht ein einprägsamer Richtungsverlauf der Diagonallinien, welche von unten links, der zentralen Notengruppierung  mit der Prim fis1, nach oben rechts, dem kleinsten und höchsten Intervall streben. Dieser Richtungsverlauf der Diagonallinien weist auf die beherrschende Stellung jener Notengruppierung um die Prim fis1 unten links hin.

Vor dem zeitlichen wie räumlichen Erscheinen der Prim fis1 ist es zunächst die Länge der Diagonallinien, danach deren Steilheit, die den
akustischen Tonabstand anzeigen.

Nur bei der Prim fis1 gibt es augenfällig keine Diagonallinie.

Im Wesentlichen wird eine Verdichtung mit der Notengruppierung um die Prim fis1 erzeugt, in der fernerhin namensverwandte Noten gruppiert sind: fis2, f3, f3 und fis1. Es sind vollzählig alle f(is)-Noten des Werks, wobei  die tiefste Note fis1 und die höchste Note f3 einander besonders nahegerückt sind und so eine verbindende Brücke zwischen beiden Notenzeilen hergestellt wird. Ein Übersprung von einem Notensystem ins andere findet hier, augenfällig und  sinngemäß, statt: Zwei fast identische Intervalle, deren höchste Note das f3 ist, sind links unten und rechts oben direkt um die Prim fis1 herum gruppiert.

Auf der Briefmarke
75 Jahre Donaueschinger Musiktage ist genau diese ungewöhnliche und auffällige Konstellation der Noten eindeutig reproduziert: die Prim fis1 befindet sich in der Mitte der Briefmarke zwischen  den zwei fast identischen Intervallpaaren mit ihren Diagonallinien.

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In
18-7-92 wird weiterhin in zeichnerisch freier Gestaltung auf die Prim fis1 hingewiesen, indem ein sehr zart geschriebener Violinschlüssel in einem Leerraum vor der Notenzeile erscheint. Dies ist unüblich,  da ein Violinschlüssel in konventioneller Notenschrift immer im Fünfliniensystem und immer auf der 2. Notenlinie steht.

Hierdurch ist die ambivalente Eigenschaft einer Prim graphisch eingefangen: Einerseits ist ein Violinschlüssel für die Bestimmung der Tonhöhe der Prim notwendig. Andererseits  ist eine Prim kein Intervall, sie besitzt zwei gleich hohe Töne und insofern ist eine Unterscheidung von Tonhöhen, wie bei einem Intervall, überflüssig.

Die Briefmarke
75 Jahre Donaueschinger Musiktage und der Sonderpoststempel Donaueschingen fokusieren genau auf die Freistellung des Violinschlüssels vor der Prim fis1.

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Die arabischen Zahlen weisen auf die
quantitative Anzahl der Tonstufen eines jeden Intervalls hin. Sie geben nicht ihren Tonhöhenabstand in Halbtonschritten an.

Die Diagonallinien hingegen vergegenwärtigen die
akustische Distanz der Intervallnoten auf optische Art und Weise.
Tonhöhen werden in Frequenzen gemessen. Ein sehr präzises Maß für den
akustischen Abstand zweier Tonhöhen ist der Differenzton (die Differenz beider Frequenzen). Bei der Prim fis1 ist theoretisch kein  Tonhöhenabstand vorhanden. Dennoch entsteht in der akustischen Realität, am Cello, ein Differenzton. Dieser Differenzton hat wiederum dieselbe Frequenz wie das fis1, d.h. die Prim mit ihren immanenten Obertönen kopiert sich selbst.

Insofern ist die Inschrift des fis1 in der Note fis1 ein Sinnbild für diese instrumentale Differenztoneigenschaft der Prim.
Der theoretische Differenzton „0” existiert in
18-7-92 nicht, obwohl faktisch kein Abstand der beiden Tonhöhen der Prim fis1 vorhanden ist. Daher ist die Prim fis1 mit der Zahl „1  ? versehen sowie als Note in der Note gezeichnet. Die Zahl „1” ist zur hervorhebenden Unterscheidung aber über der Prim fis1 positioniert, währenddessen die anderen Zahlen in der Regel unter den Notenpaaren stehen. Eine Prim in konventioneller  Notenschrift mit zwei hintereinander geschriebenen Notenköpfen hätte eine waagrechte Verbindungslinie zur Folge. Hier zeigt sich die Ambiguität der instrumentalen Prim, kein Intervall weil kein Tonhöhenunterschied, trotzdem ein Differenzton.  Dies ist zeichnerisch dargestellt durch die fehlende diagonale Verbindungslinie in Verbindung mit der Zahl „1”.

Die Briefmarke
75 Jahre Donaueschinger Musiktage gibt auch diesen wesentlichen originären Inhalt wieder, indem auf ihr die Prim fis1 mit der Zahl „1” zwischen zwei Intervallen mit ihren diagonalen  Verbindungslinien inklusive der Zahlen „8” und „12” enthalten ist.

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Das Werk
18-7-92 ist auf dem vergilbten, chamois-farbenen Papier mit bläulichen Linien meines Skizzenhefts (New York, Juli 1992, Wissembourg August 1992) gezeichnet. Das Schreibheft verweist, zusammen mit der  Notenschrift und den Zahlen, auf die Notwendigkeit der Lesbarkeit des Werks. Das verblichene Papier weckt Assoziationen an vergangene, historische Zeiten:
Der visuelle Kontrapunkt dieses Werks (worüber hier nichts ausgeführt wurde) läßt an die kontrapunktischen Künste des 15. und 16. Jhdts denken, die sowohl das Auge  wie das Ohr ansprechen.

Im Gegensatz zu den römischen, sind die arabischen Zahlen zum Rechnen geeignet, deren Einführung in Europa gleichermaßen eine Errungenschaft des 15. Jhdts ist.

In Japan fällt die Errichtung des
Ryoanji in die gleiche Epoche.

Das alte Schulheft wurde zum Skizzenheft von mir bestimmt und wurde auf diese Weise Bildträger von
18-7-92. Zufälle wie Assoziationen unterstreichen und beleuchten auf ihre Weise das Geschaffene. Denn nichts  - schon gar nicht in der Kunst - wird ausschließlich geplant und konstruiert.


Wir konstruieren und konstruieren,
und doch ist Intuition immer noch
eine gute Sache.

Paul Klee


Wir konstruieren und konstruieren,
weil Intuition noch immer
eine gute Sache ist.

Josef Albers

 
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